• Kristina Jago

Hessenmeisterschaft Kunstradfahren: Eine sportlich-künstlerische Ode an das Fahrrad


Kunstradfahren = Kunst + Radfahren = Kunstvolles Radfahren. Eigentlich völlig logisch. Am Samstag, den 17.03.2019 entschied ich mich recht spontan, in Launsbach bei der Hessenmeisterschaft im Kunstradfahren vorbeizuschauen. Ich muss dazu sagen: Ich bin vorbelastet. In meiner Kindheit und Jugend habe ich geturnt und voltigiert. Heute fahre ich MTB und Rennrad. Die Verbindung von Beweglichkeit, Kraft, künstlerischer Anmut und Fahrrad jedenfalls stellte ich mir durchaus interessant vor. Außerdem würde es dort sicher Kaffee und Kuchen geben: ein perfekter Zwischenstopp für einen Sonntag mit wechselhaftem Wetter also. Natürlich nahm ich für die Anfahrt das Fahrrad: Sitzend, geradeaus fahrend, auf zwei Rädern. Dass das nicht selbstverständlich und alles andere als spektakulär ist, habe ich gestern ziemlich schnell gelernt.

Um Punkt 14:00 Uhr betrete ich die Sporthalle der Gesamtschule Gleiberger Land. Im unteren Hallenbereich stehen Fahrräder mit nur einem Gang und stark gebogenen Lenkern in den Gängen, hier und da sitzen Sportler und wärmen sich auf. Anstatt auf der Rolle zu pedalieren, wird hier dynamisch gedehnt. Am Hallenrand steht ein Mädchen neben seinem Fahrrad und prüft den Luftdruck der Reifen. Auf dem Weg zur Tribüne begrüßen mich lächelnd einige Kunstradsportlerinnen.

Obwohl ich keine Ahnung habe, was mich hier erwartet und definitiv niemanden auf diesem Event kenne, werde ich von Zuschauern und Sportlern aufgenommen, als würde ich dazugehören. Warum? Weil lediglich Angehörige, Trainer und Sportler anwesend sind. Man geht offensichtlich davon aus, dass ich zum kleinen Kreis der Kunstradsportler dazugehöre. Die Anzahl der Zuschauer, die extra vorbeikommen, um sich diese Randsportart anzuschauen, ist verschwindend gering, wie ich später erfahre.

Eine Stunde lang stehe ich oben auf der Tribüne und schaue hinunter auf drei abgetrennte Felder von 14 x 11 Metern mit jeweils zwei Kreisen in der Mitte. Auf dem linken Feld testen die Wettkampfteilnehmer noch die letzten Figuren, während auf den beiden rechten Feldern die Wettkämpfe stattfinden. Zu zweit, zu viert, zu sechst und im Einzel tanzen die Sportler mit ihren Fahrrädern über die Fläche. Ich nenne es bewusst tanzen, weil es mühelos, schwerelos und unheimlich ästhetisch aussieht.

Gerade findet der Wettkampf der Elite Frauen statt. Mit schwarzen Tights und hellem Top bekleidet turnt eine Teilnehmerin ihre Kür. Ihr Fahrrad rollt über die Linie des Außenkreises, während sie zuerst auf den Sattel steigt und eine Runde im Stehen fährt. Eine Standardübung, wie ich im Laufe des Events feststelle. Mit fließenden Bewegungen setzt sie sich auf den Sattel, hebt das Vorderrad an, fährt auf dem Hinterrad vorwärts weiter – bevor sie in der nächsten Ecke stoppt und ihre Tour auf dem Hinterrad rückwärts weitergeht.

Als sie später auf dem Lenker steht, frage ich mich, wie das biomechanisch möglich ist. Mein MTB zumindest kippt um, sobald ich mich mit meinem Körpergewicht komplett auf den Lenker stütze. Zu diesem Zeitpunkt denke ich noch: Krass, eigentlich will ich das auch mal ausprobieren. Einige Sekunden später absolviert sie einen Kopfstand auf dem Sattel, bevor sie sich mit den Händen auf den Sattel stützt und beide Beine gestreckt nach vorne anhebt – natürlich alles, während ihr Fahrrad in dem Bereich zwischen Innen- und Außenkreis vorwärts rollt. Bei vielen ihrer Übungen denke ich: Das könnte ich nicht mal am Boden. Ich bin beeindruckt. Zutiefst.

Nach fünf Minuten springt Inken Berg vom Fahrrad und verbeugt sich. Dass sie Inken heißt, stelle ich erst am Ende der Prüfung fest, weil ich die Anzeigetafel im Hintergrund des Feldes aufgrund meiner Faszination vorher noch nicht bemerkt habe. 113,68 Punkte steht dort. Platz 1. Von nun an achte ich auch auf die Tafel. Die nächste Sportlerin, Lisa Jockel, beginnt mit 130,00 Punkten und ich lerne: Jede Kür hat eine bestimmte Schwierigkeitspunktzahl – und jeder Fehler gibt Abzug. Hier findet der Wettkampf gegen die Zeit und den Punkteabzug statt. 30 Übungen und Figuren beinhaltet die fünfminütige Kür im Einzel. Gefühlt ist es in etwa so: Auf dem Feld bewundere ich eine wundervolle Darbietung von Sportler und Fahrrad, während an den Tischen neben dem Feld fünf Richter sitzen, die bei jedem Wackler, jeder unvollständig absolvierten Wegstrecke und jeder Bodenberührung einen Knopf drücken, der zum Punkteabzug führt. Nach 4:47 Minuten, wenn gerade eine Übung schiefgegangen ist, noch einmal aufzusteigen und auf den Punkt noch eine letzte Figur unter Zeitdruck fehlerfrei zu zeigen – auch das ist also Kunstradsport. Lisa Jockel beendet ihre Kür mit 114,83 Punkten. Das ist Platz 1 für sie, Inken rutscht dadurch auf Platz 2. Die nächsten beiden Kandidatinnen gehen mit einer noch höheren Anfangspunktzahl in die Kür – die Sportlerin mit der höchsten Schwierigkeitspunktzahl startet zuletzt.

Mir fällt wieder ein, warum ich eigentlich hier bin: Kaffee und Kuchen! Das habe ich in meiner Begeisterung völlig vergessen. Weitere zwei Teilnehmerinnen später sitze ich mit einer frischgebackenen Waffel und dampfendem Kaffee auf der Tribüne. Als ich hinter mich blicke, stelle ich fest, dass dort die jetzt drittplatzierte Inken Berg sitzt. Ich gratuliere und frage nach, wie die Punkteverteilung funktioniert und wie sie zum Kunstradsport gekommen ist. Wir unterhalten uns eine ganze Weile, während vor uns der Wettkampf der Viererteams stattfindet. Kurz bevor ich gehe, betritt der letzte Einzelteilnehmer das Feld: Marcel Jüngling. Schwierigkeitspunktzahl: 199,10. Handstand auf einem fahrenden Fahrrad? Kein Problem.

Draußen vor der Halle schließe ich das Fahrradschloss auf, schwinge mich auf mein MTB – und komme mir unheimlich langweilig vor. Da, wo es auf dem Heimweg auf gerader Strecke auf smoothem Asphalt geradeaus geht, knie ich mich mit meinem linken Knie auf den Sattel und strecke das rechte Bein nach hinten aus: Kniende Fahne auf dem Fahrrad, check.

Was meine Tribünen-Bekanntschaft Inken Berg auf die Fragen geantwortet hat, die mir am meisten unter den Fingern brannten, lest ihr hier:

Inken, wann hast du mit dem Kunstradsport begonnen?

Ich habe mit 6 Jahren begonnen. Bei uns im Verein begann es damals mit der Einschulung. Wer vorne mitfährt, hat in der Regel nicht später als mit 10 Jahren begonnen und auch das ist schon ein „hohes“ Einstiegsalter in diesem Sport. Je älter die Kinder werden, desto mehr spielt Angst vor Übungen eine Rolle. Außerdem wird das Sichern durch den Trainer mit zunehmender Körpergröße auch schwieriger. Als reinen Breitensport kann man den Sport, denke ich, jederzeit beginnen.

Wieviele Stunden pro Woche trainierst du, um auf diesem Niveau an Wettkämpfen teilnehmen zu können?

Ich trainiere derzeit 4x pro Woche 1,5-3h auf dem Fahrrad, sodass ich im Schnitt ca. 10h Radtraining in der Woche absolviere. Zusätzlich gehören noch Kraft- und Konditionstraining dazu.

Was wünscht du dir für die Zukunft des Kunstradsports?

Ich wünsche mir, dass die Sportart etwas populärer wird, vielleicht sogar irgendwann olympisch. Noch wichtiger ist mir jedoch das Fairplay und dass die Wettkämpfe sauber bleiben. Da sollte sich auch bei Zunahme der Bekanntheit nichts am Sportgeist ändern.

#Kunstradfahren #Radfahren #Wettbewerb

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