Sich mit Laufen durchs Leben bewegen

December 13, 2017

 

Über sich selbst zu schreiben, ist generell schwierig. Das ich über mich schreibe, eine Katastrophe! Aber ich versuche es trotzdem: Mein Leben war bis vor einigen Jahren eine Aneinanderreihung von Widrigkeiten, die ich mit Laufen, immer wieder und immer weiter Laufen, gemeistert habe. Laufen, mein Lebensretter, mein Elixier, meine Leidenschaft. Mit Laufen habe ich extreme Distanzen bewältigt; es hat mir immer neue Energie und Lebensfreude gegeben. Zugegeben, extrem ist subjektiv. Darüber könnte man streiten. Mein eigenes Empfinden, was extrem bedeutet, hat sich im Laufe meines Lebens mehrmals geändert.

 

 

 

Es begann Mitte der 80er Jahre, in einem kleinen Vorarlberger Bergdorf. Damals war Joggen ziemlich verpönt. Ich habe es trotzdem gemacht und fühlte mich in unserem kleinen Dorf in Österreich manchmal wie ein Quadrat unter Kreisen. Also lief ich heimlich. Nutze jede Gelegenheit zum Laufen. Rannte mittags von der Schule nach Hause und war immer da, wenn jemand vom Hof älteren, gebrechlichen Frauen unsere frische Milch vorbeibringen musste. Hauptsache raus. Neben Schule und Feldarbeit gab es für mich, das ledige Kind, nicht allzuviel sozialen Kontakt. Damals träumte ich davon, dass ich irgendwann laufend die 1000 km-Marke knacke. Heute lache ich darüber, denn tausend Kilometer sind mein Laufpensum von sechs bis acht Wochen.

 

Als ich 15 Jahre alt war, rannte ich eines Tages unserer Kuh nach und stürzte. Das 800 kg schwere Tier konnte nicht mehr bremsen, ich verlor den Halt und es trat mit voller Wucht auf mein Knie. Es wurde eine schwere Zeit mit einem Bein, das lange kaum belastbar war. Kein Laufen mehr. Ohne es zu merken, verdoppelte ich mein Körpergewicht innerhalb kürzester Zeit und brachte - im Alter von 19 Jahren und einer Körpergröße von weniger als 1,70 cm - ganze 92 kg auf die Waage. Ich fühlte mich mies, verlassen, ausgegrenzt.

 

Zufällig las ich vom ersten Marathon in unserem Bundesland. Seinerzeit erster Marathon im Dreiländereck, heute Dreiländermarathon genannt. Meine Rettung! Ich trainierte verbissen. Mut und Entschlossenheit keimten wieder in mir auf. Nach drei Wochen Training startete ich, brauchte ganze 4 Stunden, 20 Minuten und konnte danach drei Wochen lang kaum gehen. Ein Irrsinn. Doch das Laufen hatte mich wieder gepackt. Ich lief im Dorf nach wie vor heimlich, meist abends nach 23 Uhr. Drehte meine Runden mit nicht wenig Höhenmetern, verlor schnell überflüssige Pfunde und wurde relativ flink

 

 

 

Doch als ob das Schicksal mir eins reinwürgen wollte, kam schon das nächste Hindernis, damals, mit 27 Jahren als mein Großvater starb. Eins kam zum anderen, Lungenentzündung, Kalkschulter, Probleme an den Achillessehnen, Überlastung und ich kam wieder nicht mehr zum Laufen.  

 

Traditionsdenken im Dorf und keine Akzeptanz von Extravaganzen wie Laufen holten mich als junge Frau schnell ein. Doch mein Innerstes rebellierte. Man wollte mich in typisch weiblichen Strukturen festnageln, ich wollte aber nicht Putzen, Waschen – und lieb sein. Allen zum Trotz schrieb ich mich wieder in der Schule fürs Abitur ein und - hatte wieder ein Ziel. Vier Jahre lang, fünf Mal pro Woche, drückte ich zwischen 18 und 22 Uhr die Schulbank. Plus eine Stunde Zugfahrt hin und zurück ins Dorf. Der Lohn? Man lachte mich aus. „Du scheiterst fix bis Weihnachten! Wozu denn überhaupt versuchen?“ Mein Ehrgeiz war geweckt; ich habe es ihnen allen gezeigt und machte mein Abi 2012.

 

Doch es juckte mich immer in den Füßen. Um die Wartezeit am kalten Bahnhof zu überbrücken, lief ich zur nächsten Haltestelle, immer bedacht den Zug nicht zu verpassen. Manchmal lief ich auch die ganze Strecke heim. Wenn ich dann in den frühen Morgenstunden müde ankam, kurz vor Arbeitsbeginn auf dem Hof, spürte ich so viel Leben und Freude in mir, dass ich hätte platzen können.

 

An der Uni wurde ich wirklich sportlich aktiv und fand nach einiger Zeit meinen ersten Sponsor: Asics. Das war meine Rettung bei dem Verschleiß an Laufschuhen. Eines Sonntagsmorgens gegen 5 Uhr früh lief ich nach dem Training auf der Straße nach Hause. Es ging kurvig den Berg hoch. Plötzlich sah ich hinter mir ein Licht. Der Fahrer sah mich aber anscheinend nicht und drosselte nicht das Tempo.

 

Im allerletzten Moment hechtete ich mit einem Sprung über die Leitplanke, um auszuweichen und landete auf der felsigen Böschung. Das Auto war auf der falschen Seite unterwegs gewesen und blieb nicht einmal stehen, um nach mir zu schauen. Fahrerflucht. Ich hatte mich ziemlich verletzt und schleppte mich die letzten 600 Meter Schritt für Schritt nach Hause. Es folgten Monate der Therapie. Konnte kaum gehen, geschweige denn Laufen, brachte keine Leistung, verlor meinen Sponsor.  

 

 

 

 

Doch ich bin hartnäckig, habe mich wieder aufgerappelt. Heute verdränge die Vergangenheit nicht mehr, sondern nehme sie als die Stolperstein-Lektionen an, die mich geprägt haben. Laufen hat mich durch die Höhen und Tiefen meines bisherigen Lebens geführt. Laufen ist meine Leben. Ich liebe Wettbewerbe und so manchen Lauf gewinne ich auch. Leute aus meinem Dorf schütteln immer noch den Kopf, wenn sie mich laufen sehen und denken: „Nicht klein zu kriegen, diese Annemarie.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was hat meine Geschichte mit Dir zu tun? Wozu möchte ich Dich ermutigen oder inspirieren?

 

- Setze Dir realistische Ziele. Höre auf Dich und Deinen Körper.

 

- Kämpfe für diese Ziele, auch wenn sich alles gegen Dich verschworen hat und gegen Dich zu sein scheint.

 

- Laufen gibt Dir Energie, auch wenn es Kraft kostet.

 

- Laufen ist Dein Verbündeter gegen den Rest der Welt.

 

Im nächsten Blog erzähle ich über meine Arbeit als Lauftrainerin und wie ich meine Ideen zu umsetzbaren Zielen mache.

 

Deine

Annemarie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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